Das Obersalzberg-Gefühl

Ich habe lange überlegt wie oder ob ich einen Beitrag zum Ausflug an den Obersalzberg schreiben soll. Irgendwie sind die Gefühle und Eindrücke, die er hinterlassen hat schwer in Worte zu fassen.

Vielleicht starte ich am Besten mit der Anreise. Von München aus ist es nur eine kurze Autofahrt nach Berchtesgaden, auch mit dem Zug ist der Ort einfach zu erreichen. Von Berchtesgaden aus dauert es nicht mehr lang und man sieht schon die ersten Hinweisschilder, welche zum NS-Dokuzentrum führen. Ich habe mich entschieden zuerst das Dokumentationszentrum zu besichtigen und dann zum Kehlsteinhaus zu fahren.

Im Dokuzentrum erfährt man zunächst viel über das ehemalige Dorf Obersalzberg – und wie die Nazis das ganze dann Stück für Stück enteignet und übernommen haben. Sehr eindrucksvoll fand ich den Film, der im oberen Stockwerk gezeigt wurde: Darin berichten Zeitzeugen, wie ihre Eltern unter Druck gesetzt wurden und irgendwann ihr Hab und Gut, welches seit Generationen in deren Besitz war, aufgeben mussten. Auch der Kult um den Führer und die Menschenmassen, die vor dem Zaun zu seinem Anwesen gewartet haben, wird hier thematisiert. Ich sehe das Bild der älteren Dame noch vor mir, die berichtet, wie Leute Steinchen vom Boden aufgeheben und in ihre Taschen stecken – nur weil Adolf Hitler vielleicht darüber gegangen ist. Der zweite Teil der Austellung widmet sich der NS Zeit im allgemeinen. Da München sein eigenes Dokuzentrum hat, das versucht diese Zeit aufzuarbeiten, war ich dort relativ schnell durch. Der Rundweg führt weiter auf eine Terrasse, die einen traumhaften Ausblick auf die Landschaft der Umgebung bietet. Nach dieser kurzen Verschnaufpause führt der Weg hinunter in den Führerbunker. Dort wird es kalt. Das Gemäuer strahlt keinerlei Wärme ab und die Wände überzieht eine zarte Wasserschicht. Weit geht es nicht in den Untergrund. Lediglich der Besucherbunker – wie passend – steht zur Besichtigung frei. Auch hier wird aktuell kräftig saniert. Dieser kurze Einblick hat mir völlig gereicht. In einer der Kammern, in der man einem Angriff ausharren sollte, überkommt mich zum ersten Mal ein beklemmendes Gefühl. Wie wäre es gewesen in fast völliger Dunkelheit auf einer einfachen Holzbank zu sitzen und zu hoffen, dass man unbeschadet wieder heraus kommt? Natürlich kenne ich Geschichten meiner Großeltern von Evakuierungen und Bombenangriffen, aber für mich waren es immer nur Geschichten die man als Kind gehört hat und vor langer Zeit passiert sind. In einem Bunker werden sie dann doch zum ersten Mal real.

Nach der Tour durch den Bunker endet der Rundweg durch das Dokuzentrum. Wieder vor dem Gebäude überquert man eine kleinen Hügel oberhalb und steht auf einem großen Parkplatz. Am hinteren Ende befindet sich eine Treppe hinunter zum Busparkplatz, der jeden Tag Scharren von Touristen zum Kehlsteinhaus hinauf befördert. Ein Busticket für Auf- und Abfahrt kostet 16€. Wer sich dieses Geld sparen möchte kann auch den Wanderweg hinauf wählen, welcher gute 3 Stunden dauert. Da im Busticket auch die Aufzugfahrt mit der Gäste während der NS-Zeit am Obersalzberg zum Kehlsteinhaus transportiert wurden, inbegriffen ist, habe ich mich für die bequeme Busfahrt entschieden. Diesen Aufzug kannte ich bis dahin immer nur aus dem Fernsehen und einschlägigen Dokumentationen – jetzt wollte ich selbst damit fahren, wenn sich die Chance schon einmal ergibt. Bei der Busfahrt hinauf wird man darauf hingewiesen, dass man sich bei Ankunft gleich sein Ticket mit der Abfahrtszeit stempeln lassen muss. Alles ist hier in Zeitfenstern gegliedert, die nur wenig Spielraum für Spontanität bieten. Es wird empfohlen sich 2 Stunden Zeit für die Besichtigung zu nehmen. Da mir aber von Anfang an klar war, dass ich dort nichts essen möchte habe ich ein Zeitfenster von einer Stunde gewählt.

Am oberen Busparkplatz, nach einer abenteuerlichen Fahrt an Steilhängen und anderen Bussen vorbei, angekommen heißt es erst einmal Schlange stehen um sich seinen Zeitstempel abzuholen. Hat man diesen dann erhalten reiht man sich in die Schlage zum Aufzug ein. Es führt ein imposanter Tunnel in den Berg hinein, der in einen Wartesaal mit großer Kuppel an der Decke endet. Die Wände sind durch fackelähnliche Kerzenleuchter erhellt. Dort wartet man nun, bis man Platz im Aufzug nach oben findet. Auch die Gäste währenden der NS-Zeit mussten hier warten, bis sie mit dem Aufzug zum Treffen ins Kehlsteinhaus gebracht wurden. Ich stand in einer Schlange mit vielen Menschen, die sich alle aufgeregt in den verschiedensten Sprachen unterhielten – als Einzelperson, die hier auf die Funktionäre der NSDAP warten sollte muss das alles sehr imposant und einschüchternd gewirkt haben. Langsam lichten sich die Reihen an Touristen vor mir und ich bin an der Reihe indem mit golden schimmernden Spiegelplatten verzierten Aufzug zu steigen. Im Aufzug selbst ist es untersagt Fotos zu machen. Ich denke das lieht vor allem daran, die Massen immer in Bewegung zu halten. Sollte von den knapp 30 Menschen, die Platz im Aufzug finden, jeder sein Foto machen, wäre ein geregelter Ablauf nicht möglich.

Oben angekommen befindet man sich bereits im Kehlsteinhaus. Die erste Tür auf die man zuläuft öffnet sich zu einem Restaurant. Für mich geht es aber erst einmal hinaus auf die Terrasse. Zum Gipfelkreuz sind es nur knapp 10 Minuten einen sanften Wanderweg hinauf. Von dort hat man wieder einen wunderschönen Ausblick auf das Panorama, inklusive Königssee. Der Weg zurück führt durch einen Seiteneingang in eine Fotoausstellung. Dort sind Bilder von Adlof Hitler an Ort und Stelle zu sehen. Wieder überkommt mich ein beklemmendes Gefühl. Ich stehe auf der selben Terrasse, auf der sich Hitler im Liegestuhl sonnt. Beim Kehlsteinhaus handelt es sich allerdings nicht um den Ort an dem die vielen bekannten privaten Fotos von Adolf Hitler und Eva Braun entstanden sind. Der Wohnsitz der beiden war der sogenannte Berghof ein Stückchen unterhalb am Berghang, der in den 50er von den Amerikanern gesprengt wurde. Trotzdem war mir sehr unwohl mich in das Restaurant zu setzen und dort zu essen – weswegen ich es auch nicht getan habe. Ich hätte zu Lebzeiten keinen Tisch mit diesem Mann geteilt und will es auch post mortem nicht tun.

Mit dem goldenen Aufzug geht es wieder hinunter zum Busbahnhof, wo ich wieder sicher den Berg hinunter gebracht werde. Ich verlasse den Ort mit Gefühlen, denen ich erst einmal keinen Ausdruck verleihen konnte. Beklemmt trifft es wohl am Besten. Im Nachhinein bin ich sehr dankbar nicht in einem Regime groß geworden zu sein und auch nie einen Krieg und seine Auswirkungen miterlebt zu haben. Die Eindrücke aus diesem Besuch werden mich wohl noch eine Weile begleiten.

Blick auf das Kehlsteinhaus, Berchtesgaden

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